Freitag, 8. Februar 2013

Nicolaus Nissen - Narrenspiele

Holger Jensen, Oberbürgermeister von Neuburg, regiert seit Jahren unangefochten. Sein neuer Gegenspieler heißt Josef Bergmann und ist Vorsitzender der eben gegründeten nationalgesinnten NVD, die mit aller Gewalt nach der Macht greift. Dabei spielt diesem das Neuburger Klima aus versteckter Fremdenfeindlichkeit und nebulöser Unzufriedenheit in die Hände. Viele warten auf einen Mann, der endlich etwas verändert, die »Wahrheit« sagt.

Jensens Sohn Ulrich, muss hautnah miterleben, wie ein junger Türke öffentlich zusammengeschlagen wird. Von dem Plan dahinter weiß er nichts. Die NVD möchte das Echo der Entrüstung nutzen, um zu zeigen, dass die Altparteien Recht und Ordnung nicht aufrechterhalten können. Ulrich steht wie mehrere andere Zeugen nur dabei und sieht zu. Während die Anderen aber eher heimlich mit den Tätern sympathisieren, lässt ihn ein Gemisch aus Überraschung und Furcht erstarren.

Aber im Hintergrund gibt es Unstimmigkeiten, Reibereien und Eitelkeiten. Die letzten drei der »alten« Führungsgeneration sind sich keineswegs darin einig, wie sie die Macht erlangen können. Jeder hat eigene Vorstellungen zur NVD und ist bereit, zum Nachteil der anderen, mithin des Ganzen, zu handeln. Bei einem konspirativen Treffen der Hauptführungsleute wird - u.a. -, die Aktion gegen den Türken daher aus diesem Grund bereits veranlasst, obwohl alle wissen, dass sie zu früh kommt.

Spätestens, als OB Jensen erfährt, dass die regionale Tageszeitung bald mehrheitlich in NVD-Hand ist, wird ihm klar, dass deren Verantwortliche wohlvorbereitet angetreten sind. Er beschließt, sich nicht so einfach aus seinem Amt drängen zu lassen und nimmt den Kampf auf.

Zu den Wenigen, die sich ebenfalls nicht mit den Gegebenheiten abfinden wollen, gehört der ein Redakteur dieses Blattes, Udo Seeler. Seit langem umfasst sein Hauptarbeitsfeld die Umtriebe der »rechten Szene«. Und obwohl er merkt, dass die Gegner stärker geworden sind, intensiviert er seine Recherchen.

Inzwischen hadert Ulrich Jensen damit, dass er »nur dagestanden« hat. Er fühlt sich als Versager und Feigling. Daher beschließt er ebenfalls, etwas gegen die NVD zu unternehmen. Zunächst schleicht er auf das Privatanwesen von NVD-Chef Bergmann. Nur durch glückliche Umstände kann er entkommen. Immerhin war die Aktion nicht vergebens.

Ulrichs »Besuch« interessiert auch Wilhelm - A. Friedrichsen vom BfV. Dieser arbeitet teilweise im geheimen. Einerseits, um sein Tun vor Sympathisanten der »rechten Szene« zu verbergen. Andererseits, weil er letztendlich auch trotz der, wenn nicht gegen die desinteressierte Politik ermittelt.

Und nicht nur Seeler wird durch NVD-Leute ermordet.

Als am Wahlabend ein großer Erfolg für die NVD in Neuburg deutlich wird, arbeitet OB Jensen mit Bergmann einen Vertrag über die Zusammenarbeit im Stadtrat aus. Nachdem das veröffentlicht ist, beschließt sein Sohn, in Bergmanns Anwesen zu dringen, um Beweise gegen diesen zu suchen. Nur neue Freundin wagt es, ihn zu begleiten. Beide begeben sich in massive Lebensgefahr...

NARRENSPIELE ist ein Polit-Thriller, der unterhaltsam aber auch sehr eindringlich beschreibt, welch bizarre Blüten der politische Zeitgeist hervorbringen kann. Dabei wirkt die Welt Neuburgs, in der sich alles um Macht, Geld und Chauvinismus zu drehen scheint, keinesfalls konstruiert. Es ist jene aus dem eigenen Alltag sattsam bekannte Normalität, die den Boden für ein schreckliches Ende bereitet. Jene Ignoranz der Masse, die zuschaut, statt zu verhindern. Und es sind jene stillen Helfer im Hintergrund, die der neuen Rechten die Wähler zutreiben.

Genau dieser Zeitgeist wird in Worte gekleidet. Gezeigt, dass hinter vielem scheinbar Zufälligem häufig eine Strategie steckt. Die auf leisen Sohlen daherkommt. Und in den Text hineinzieht. Wohl auch, weil die Realität stets ganz nah ist, und weil anschaulich gemacht wird, dass sich Geschichte laufend wiederholt. Immer wieder das Gleiche, auch wenn das Gewand wechselt...

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